verlorene Zeit

Ich sitze im Wagen und warte auf die Abfahrt. Die Ungeduld plagt mich. Vielleicht komme ich zu spät. Die Sitzung hat sicher schon angefangen. Zu Hause Streit. Der Vorwurf meiner Freundin klingt in mir nach: „Nie hast du für mich Zeit. Ich brauche dich. Nie bist du da.“ Nervös trommeln meine Finger auf das Polster neben mir. Ich komme immer und überall zu spät. Das rede Ich mir ein.

Die Tür schließt sich. Der Motor heult auf. Erstaunt stelle ich fest, dass der Wagen entgegen meiner Erwartung noch steht. Stattdessen sehe ich ein Schild, wie durch Zauberhand, heran schweben. Vorher noch der Stationsname steht jetzt in großen Lettern: „Verlorene zeit.“ Ich sehe mich im wagen um. Auf der Stationsanzeige steht derselbe Text: “Verlorene Zeit.“ Ich begreife endlich. Es sind keine Bäume, Sträucher, Häuser und Felder, die vorbei fliegen. Es ist die Zeit, die ich verliere. Wie Sand durch die Finger rinnt, so fliegt die Zeit an mir ungenutzt vorbei. Ich möchte sie festhalten. Mit beiden Händen werfe Ich mich gegen das Fenster. Ich möchte festhalten, was dahinter mit immer größerer Geschwindigkeit vorüber schwebt. Verzweifelt lass’ Ich mich auf den Sitz fallen. Das Chaos vor den Fenster, Ich will es nicht mehr sehen. Meine Hände verdecken die Augen. Tränen rinnen durch die Finger, wie die Zeit.

Plötzlich spüre ich eine Hand. Sie ist klein. Ganz vorsichtig liegt sie auf meinen Händen. Ein Arm legt sich leicht um meine Schultern. Eine Stimme, sanft und weich, ruft meinen Namen. Ruhe ist es, die in mich einkehrt. Es scheint, als würde der Motor leiser.
„Mach’ die Augen auf. Sieh’ mich an.“ „Wer bist du? Was willst du von mir?“ „Ich gebe dir zurück, was du verloren hast.“ Die Hände vom Gesicht nehmend, sehe ich mich selbst neben mir sitzen, Meinen Terminkalender in der Hand. Nein, es ist kein Kalender mehr. Es sind zerrissene Seiten.

Der Motor heult auf. Erstaunt sehe ich hinter den Fenster den Baum, den ich verschwunden geglaubt, wieder vorbei schweben. Am Stamm ein anderes Schild: „Gewonnene Zeit“. Alles was verschwunden schien, schwebt wieder am Fenster vorbei.
Zuletzt das Stationsschild. In großen Lettern steht drauf geschrieben: Du hast noch viel Zeit. Nutze sie!“

Copyright By Thomas Löffler