An der Bahnschranke

Ich stehe an der Bahnschranke. Zwei Minuten Stillstand, zwei Minuten Pause im Rennen gegen die Uhr. In zwei Minuten gibt es viel zu entdecken.

Warum schaut der Mann neben mir immer auf die Uhr. Hat er nicht einmal zwei Minuten Zeit für das Wesentliche?
Ein grimmig aussehender Mann in einem teuren Auto blickt Stur gerade aus. Hat er keinen Blick mehr für seine Umwelt und sieht nur noch sich selbst?
Das Fenster eines in der Nähe stehenden Hauses öffnet sich. Eine Alte Frau reckt ihr Gesicht der warmen Sonne entgegen. Sie freut sich über jeden Tag neu.
Hinter mir höre ich Kinder auf einen Spielplatz. Ich schaue mich um und sehe einen kleinen Jungen, der im Sandkasten eine Sandburg baut.
Unter einen Baum liegt ein Mädchen und sieht verträumt in den Himmel.
Auf einer Bank sitzt ein Kind, hat eine Katze im Arm und streichelt sie.
Vor einem Haus sehe ich einen Jungen der weinend neben seinen verletzten Hund sitzt.
Zwei Verliebte vergessen alles um sich herum.
Der vorbei fahrende Zug nimmt mir die Sicht. Alle Bilder verschwimmen.

Später, im Büro, starte ich meinen PC. Statt der Passwortabfrage lese ich: „Achtung Virenwarnung!“ Die Zeile macht einem Text Platz. Verwundert lese ich: „Wenn sie auf alle folgenden Fragen eine klare Antwort wissen, drücken sie enter. Sonst starten sie neu.“

--Leben sie ihr ganzes Leben nur nach der Uhr und leben sie ständig mit der Angst zu spät zu kommen?
--Sehen sie die Menschen neben sich und gehen freundlich mit ihnen um? Oder sitzen sie im Glashaus und sehen nur sich selbst?
--Sind sie in der Lage jeden Tag als Geschenk zu sehen und zu genießen?
--Können sie wie ein Kind sein, das sich eine neue Welt baut und wenn es nur eine Sandburg ist?
--Können sie immer noch Geborgenheit und Zärtlichkeit schenken?
--Sind sie noch in der Lage Trauer zu empfinden und zu Weinen?
--Können sie noch träumen und lieben?

Ich sitze lange still vor den Monitor. Bin ich, der die Zwänge dieser Welt kennt, in der Lage alle diese Fragen ehrlich zu beantworten?

Ich starte neu!

Copyright By Thomas Löffler