Der Lebensweg einer blinden Familie

Vorsichtig führte die Führhündin Wendy Uwe Jäger um einen Poller herum und blieb schließlich neben einer Ampel stehen.
„Fein gemacht“, lobte er seine Begleiterin und drückte den Knopf am Ampelmast. Auf ein Kommando hin führte ihn die Hündin an den Bordstein. Fast Stoßstange an Stoßstange fuhren die Autos vorbei.
„Rüber!“, kommandierte er die Hündin, als ein akustisches Signal „grün“ anzeigte. Gemächlich – Wendy hatte es nie eilig – führte sie ihn über die breite Straße. Das war geschafft. Die oft mehrspurigen Straßen und der starke Stadtverkehr waren Uwe verhasst. Seit seiner Flucht 1982 aus der DDR wohnte er in Berlin. Damals hatte er mit Meike Zieling, seiner Jugendfreundin aus dem Internat, zusammenkommen wollen. Die zu der Zeit Achtzehnjährige hatte wegen ihrer Mitgliedschaft in der Friedensbewegung kurz vor Ende ihrer Ausbildung die DDR verlassen. Voll Vertrauen in das, was sie verband, hatten sie gegen alle Anfechtungen und Sehnsüchte ihre Hoffnung auf ein Zusammenleben gesetzt.
In Gedanken versunken war Uwe stehen geblieben. Neben ihm lie-gend schaute Wendy fragend zu ihm auf. Als Hund war ihr der Augen-kontakt unerlässlich. In einem Jahr hatte sie gelernt, Signale, so schwach diese auch waren, für sich zu deuten und danach zu handeln. Das Lächeln ihres Herrchens, der über die Vergangenheit nachdachte, zeigte ihr seine Gelöstheit und Freude. Fröhlich klopfte sie mit der Rute auf das Pflaster des Fußweges.
Das Lachen einiger Kinder ließ Uwe in die Gegenwart zurückkehren. Er griff nach dem Geschirrbügel und setzte zusammen mit Wendy seinen Weg fort. Unterwegs schweiften seine Gedanken ein weiteres Mal in die Vergangenheit. Als Klavierstimmer ausgebildet, hatte er sich Stück für Stück einen, wenn auch kleinen Kundenstamm aufgebaut. Trotzdem war ihm die Idee an eine Übersiedlung nicht aus dem Kopf gegangen. Ein Jahr nach seiner Flucht hatte er Meike geheiratet. Wäh-rend dieser Zeit hatte sie als Schreibkraft in einer kleinen Firma gearbei-tet, bis diese eines Tages pleitegegangen war und alle Mitarbeiter über Nacht ihren Arbeitsplatz verloren. Nun war es 1999 und Meike war immer noch arbeitslos. Uwe hingegen hatte sich nach seiner Flucht einen neuen, ziemlich beachtlichen Kundenstamm aufgebaut, sodass beide wirtschaftlich gut über die Runden kamen. Seit einiger Zeit war Meike ehrenamtlich beim örtlichen Tierschutz beschäftigt.
Wendy wollte auf einmal schneller gehen. Ihr Lieblingsbäcker war nicht mehr weit und sie zog spürbar am Geschirr. Vor dem Laden angekommen, kramte Uwe einen Einkaufszettel aus dem Rucksack und betrat, von Wendy geführt, das kleine Geschäft.
„Hallo Herr Jäger“, grüßte eine ältere Frau hinter dem Ladentisch. „Wenn ich Sie nicht hätte …“
„Guten Morgen, Frau Stadelmeier. Was würden Sie ohne mich tun?“
„Ich würde pleitegehen. Die Supermärkte nehmen mir die Kunden weg. Früher war alles anders.“ Uwe kannte diese Geschichten schon. Jeden Tag ging das so. Dabei war das kleine Lädchen weit und breit bekannt und gut besucht.
„Damit Sie nicht pleitegehen, hole ich meine Brötchen nur bei Ihnen.“
Wendy sprang mit den Vorderpfoten auf den Ladentisch und wedelte ausladend mit dem Schwanz. Uwe hatte es längst aufgegeben, sie davon abzuhalten.
Frau Stadelmeier lachte und wandte sich kurz ab. Auch das, was nun folgen würde, kannte Uwe schon. „Ich habe heute leckeren Zuckerku-chen“, hörte er die Frau sagen. Kurz danach schnappte Wendy nach der ihr dargebotenen Leckerei. Uwe schimpfte. „Sie wissen schon, dass ich das nicht mag.“
„Sie mögen es vielleicht nicht, aber Ihr Hund mag es“, entgegnete Frau Stadelmeier. „Er ist wirklich dünn. Ein Stückchen Kuchen wird er schon vertragen.“
Uwe gab es auf. Es war jeden Tag dasselbe. Nur der Speiseplan änderte sich. Gestern hatte es Mandelkuchen gegeben, den Tag davor Bienenstich. Er hätte schon längst den Bäcker gewechselt, wenn es hier nicht so gutes Brot geben würde. Er musste an Falko denken, Meikes Blindenführhund. Für einen Labrador untypisch, nahm er von nieman-dem Essen an.
Nachdem Uwe eine Tüte voll duftender Brötchen und ein Brot im Rucksack verstaut und bezahlt hatte, verließ er das Geschäft. Wendy leckte sich immer noch die Lefzen.
„Nach Hause!“, kommandierte Uwe, und aufgrund der Bewegung des Geschirrs konnte er ahnen, dass sich seine Hündin noch einmal nach dem Laden umschaute, bevor sie gemeinsam den Heimweg antraten.

Kapitel 2
Schwanzwedelnd kam Falko auf Uwe und Wendy zu, kaum dass Uwe die Hoftür geschlossen hatte. Die beiden Blindenführhunde waren ein Herz und eine Seele. Einer schien ohne den anderen nicht leben zu können. Uwe nahm Wendy das Geschirr ab und schickte die Freunde in den Garten.
„Uwe, bist du das?“, rief Meike aus dem Haus.
„Wer sonst?“, antwortete er lachend. „Wartest du auf irgendeinen Monteur?“
„Auf den Klempner“, rief Meike zurück und kam Uwe im Vorraum entgegen. Sie umarmte ihn und küsste ihn zum Gruß auf den Mund. „Es hat jemand angerufen.“
„Wer?“
„Doktor Wieselbach.“
Uwe stöhnte. Wenn der Kreistierarzt anrief, bedeutete das nichts Gutes. „Was will er denn?“
„Du sollst sofort zurückrufen. Es sei sehr dringend.“
„Das hat Zeit. Ich rufe ihn heute Abend an.“
„Nein, jetzt!“
Da ist es wieder, dachte Uwe. Meikes bestimmende Art brachte ihn oft zur Weißglut. „Meike, ich habe zu tun. Heute muss ich Rechnungen schreiben. Die Kunden warten.“
Doch seine Frau ließ nicht locker. „Liebling, es klang wirklich drin-gend. Und für die Rechnungen hast du noch den ganzen Tag Zeit.“ Ihr musste klar sein, dass Uwe keine Lust hatte, mit Doktor Wieselbach zu sprechen. Schließlich mochten er und der Kreistierarzt sich nicht besonders.
Uwe ging in die Küche und packte betont langsam den Rucksack aus. Nachdem alles verstaut war, betrat er das Wohnzimmer und suchte die Telefonnummer des Doktors in einem Telefonverzeichnis. Der Mann war es nicht wert, dass seinetwegen der Haussegen schief hing. Uwe griff zum Telefon und wählte.
„Wieselbach“, erklang eine tiefe, vom Rauchen heisere Stimme am anderen Ende der Telefonleitung.
„Jäger!“, antwortete Uwe kurz angebunden. „Meike sagte mir, ich solle zurückrufen und es sei dringend.“
„Ist es auch.“
„Und?“
„In unserer Gegend treibt ein Hundefänger sein Unwesen. Er hat es ausschließlich auf Labradore abgesehen.“
Endlich wachte Uwe aus seiner Lethargie auf. Besorgt dachte er an Wendy und Falko.
Doktor Wieselbach fuhr fort: „Passt bitte auf eure Hunde auf.“
„Meike!“, rief Uwe in Richtung Küche gewandt. „Hol bitte die Hunde rein!“ Den Telefonhörer wieder am Ohr, fragte er: „Was wird in dieser Sache unternommen?“
„Wir haben den Fall der Polizei übergeben.“
Uwe knurrte: „Das wird nicht reichen. Aber immerhin ist es ein An-fang.“
„Du kannst ja selbst losgehen“, bellte Doktor Wieselbach.
„Ist ja gut. Reg dich ab! Unternimmt der Tierschutz etwas in dieser Richtung?“
„Bis jetzt nicht. Wir können nur die Hundehalter anrufen und sie war-nen.“
Uwe war nun doch froh, dass er gleich zurückgerufen hatte. „Ich habe keine Zeit“, erklärte er, „werde aber Meike Bescheid sagen. Bestimmt macht sie mit.“ Nachdem sie noch einige Absprachen getroffen hatten, legte er auf.
„Was wollte Doktor Wieselbach?“, fragte Meike, die Hunde im Schlepptau.
Mit wenigen Worten gab Uwe den Inhalt des Telefonats wieder.
Meike überlegte. Dann sagte sie: „Die zwei können dann eben vo-rübergehend nicht in den Garten. Außerdem dürfen sie in der nächsten Zeit nicht frei laufen.“ Auf Uwes Bitte hin war sie bereit, alle Hunde-halter in der Umgebung, soweit sie ihnen bekannt waren, anzurufen und sie ebenfalls zu warnen.
Uwe zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Bald würde die Vorlese-kraft kommen, und nichts war vorbereitet. Rechnungen mussten aus-gedruckt und versandfertig gemacht werden. Außerdem war, wie in jedem Jahr, die Steuer dran.
Kaum saß er am Schreibtisch, klingelte das Telefon. Innerlich flu-chend nahm er das Gespräch an. „Jäger.“
„Hallo Uwe.“ An der Stimme des Anrufers erkannte er Hans Timm-roth, ein guter Freund und Seelsorger der Familie.
„Was gibt es? Ich habe wenig Zeit.“
„Kennst du eine Manuela?“
„Ich kenne mehrere.“
„Sie hat eine Tochter.“
Uwe stöhnte. „Hans, was soll das? Komm zur Sache. Ich erwarte meine Vorlesekraft und habe noch keinen Handschlag getan.“
„Sie heißt Manuela Helmhold und hat eine Tochter namens Karmen.“ Uwe überlegte. Da war doch was … „Ist das etwa die Frau, die mir damals von der Stasi geschickt wurde?“
„Genau die.“
Jetzt erinnerte sich Uwe. Sie hatte vorgehabt, irgendwann einmal zu Besuch zu kommen. „Ist Frau Helmhold etwa bei dir?“, fragte er.
Hans verneinte. „Aber sie hat vorhin angerufen und nach deiner Nummer gefragt.“
Uwe runzelte die Stirn. „Wie kommt diese Frau gerade auf dich? Vor allem, woher weiß sie, dass ich in Berlin wohne?“
„Das fragst du sie am besten selbst. Ich weiß es nicht.“
„Ich muss erst mit Meike darüber reden. Ich rufe dich heute Abend noch mal an oder komme am besten gleich zu dir. Jetzt ist erst mein Job dran.“
Nachdem Hans zugestimmt und das Gespräch beendet hatte, stützte Uwe sein Kinn in beide Hände und starrte die Wand an. War es wirk-lich nötig, dass ihn die Vergangenheit einholte? Vor seinem inneren Auge entstanden klar und deutlich Bilder aus früheren Zeiten. Mit Manuela hatte für ihn die Flucht in den Westen begonnen. Zum Schein hatte sie ihn zum Klavierstimmen bestellt. Danach hatte diese Frau im Auftrag der Staatssicherheit versucht, Informationen über ihn und Meike herauszubekommen. Dabei hatte sie ihre körperlichen Reize eingesetzt. Aufgrund ihrer dilettantischen Art hatte sie sich schließlich selbst enttarnt, woraufhin sie sich Uwe anvertraute. Das war 1982 gewesen, also vor siebzehn Jahren. Was mochte aus ihr geworden sein? Uwe seufzte. Meike kannte die ganze Geschichte und würde über Manuelas Besuch alles andere als erfreut sein. Er löste seinen Blick von der Wand, schüttelte die Bilder aus der Vergangenheit so gut es ging ab und wandte sich seiner Arbeit zu. Das Problem Manuela Helmhold war im Augenblick nicht dran.

Kapitel 3
Elke Jäger war im Pferdestall der Blindenschule an diesem Tag für das Tränken und Füttern der Pferde eingeteilt. Auch ohne diese Aufgabe war sie oft hier zu finden. Klein und mit langen blonden Haaren war sie ihrer Mutter Meike wie aus dem Gesicht geschnitten. Bei den Pfer-den suchte das Mädchen nicht die Einsamkeit, sie war gern bei den anderen. Allerdings hatte sie dort keinen Freiraum für ihre Träume.
Elke mochte Tagträume. Darin glich sie Uwe, ihrem Vater. Ihre El-tern hatten ihr viel aus früheren Internatszeiten erzählt, und sie hatte kaum glauben können, was sie hörte. Sicher war es zu Hause viel besser als im Internat, schlimm war es hier aber auch nicht. So in Gedanken versunken trat sie zu Cora, ihrem Lieblingspferd. Elke kannte deren gute und auch schlechte Seiten.
„Hi Cora!“ Das Pferd gab den Gruß mit einem fröhlichen Wiehern zurück. Elke stellte sich vor das Tier und zauste ihm die Mähne, wo-raufhin es sein schweres Maul auf ihre Schulter legte. „Ich wünschte, du könntest mir bei den Hausaufgaben helfen. Ich habe mir nämlich in Mathe eine Fünf eingefangen und blicke nicht durch.“
Cora hob den Kopf und schüttelte sich.
„Ich weiß.“ Elke lachte. „Du willst mir auch nicht helfen.“ Gespielt verärgert ließ sie Coras Mähne los und begab sich zu deren Tränke. Nachdem sie frisches Wasser hineingegeben und die Futterraufe aufge-füllt hatte, verabschiedete sie sich von ihrem Pferd und verließ den Stall. Eigentlich sollte sie schon längst im Internatsgebäude sein. Ihre Mutter würde sie bald anrufen. Beide mochten die all wöchentlichen Telefona-te sehr.
„Da bist du ja!“, rief Katrin, mit vollem Mund kauend, als Elke durch die große Schwingtür das Gebäude betrat. Sie war das genaue Gegenteil von ihrer sensiblen und zurückhaltenden Freundin.
Elke stöhnte. „Bist du schon wieder am Essen?“
„Ich habe eben Hunger“, verteidigte sich Katrin.
„Den hast du immer. Dabei bist du fett.“
Katrin strich sich über den Oberkörper. „Na und? Bei mir haben die Jungs wenigstens was zum Anfassen. Flachbrüstig, wie du es bist, und mit einem unterentwickelten Bauch, solltest du dir ein Beispiel an mir nehmen.“
„Wegen der Jungs?“
„Das auch. Ich spreche aber eher von deinem Essverhalten. Bei dem wenigen, was du zu dir nimmst, wundere ich mich nicht, dass du so dünn bist. Dabei wirkst du wie ein zwölfjähriges Mädchen.“
Elke überging die Spötteleien ihrer Freundin.
Katrin wechselte das Thema: „Ich habe gehört, wir bekommen Zu-wachs.“
Elke grinste und fragte: „Hast du vergessen, die Pille zu nehmen?“
„Quatsch nicht so blöd. Ich nehme die Pille nicht.“
„Deswegen ja auch der Zuwachs.“ Elkes Grinsen wurde breiter.
Katrin stöhnte. „Mit Zuwachs meine ich, dass wir einen neuen Mit-schüler bekommen.“
„Wer soll das sein?“
„Weiß ich noch nicht. Vielleicht ist es auch nur ein Gerücht.“
Elkes Interesse erwachte. „Wann soll der kommen?“ Sie sah Katrin fragend an.
„Das werde ich schon herausfinden.“
Schon wieder musste Elke grinsen: „Vielleicht erfahre ich es eher als du.“
Katrin näherte sich ihr mit drohender Stimme: „Nimm mir nicht meinen Braten weg!“
Elke konterte: „Du sagtest vorhin, ich solle mehr essen. Also überlass mir den Braten.“
„Ich dachte, du interessierst dich nicht für Jungs.“
„Ich interessiere mich nicht für die, die schon da sind. Aber bei dem Neuen könnte man ja mal schauen.“
Verächtlich zog Katrin Luft durch die Nase und fragte Elke, ob sie bei Cora gewesen sei.
Elke nickte. „Ja, denn ich habe diese Woche Stalldienst.“ Sie ahnte nichts Gutes, als sie bemerkte, dass Katrin sich demonstrativ die Nase zuhielt.
„Man riecht es. Bevor der Neue eintrifft, solltest du dich duschen.“
„Es gibt nichts Besseres als Pferdegeruch.“
Angewidert entgegnete Katrin: „Auf der Koppel mag es noch gehen. Im Stall ist der Gestank unerträglich. Also, für mich sind sechs Pferde auf einen Haufen zu viel.“
Vielleicht mag der Neue Pferde, überlegte Elke mit einem Blick in Richtung Stall. Da wäre ich gut raus. Sie wandte sich ihrer Freundin zu. „Ist heute irgendwas los? Ach ja, es ist ja Freitag.“
„Was heißt das – Freitag?“, fragte Katrin verständnislos.
„Mein Vater erzählte mir, dass die früher im Internat jeden Freitag Politinformation hatten.“
„Und?“
„Die mussten in den Tagen davor Nachrichten abschreiben und das Zeug während dieser Politinformation vorlesen.“
„Das war doch im Osten, oder? Deine Eltern sind Ossis.“
„Schon lang nicht mehr.“
„Ossi bleibt Ossi.“
„Die sind damals abgehauen!“, fuhr Elke ihre Freundin an. Dieses Thema brachte sie jedes Mal zur Weißglut.
„Ist ja gut. Das hast du mir schon oft erzählt. Trotzdem sind beide drüben geboren.“
„Ich muss mich jetzt duschen“, wich Elke aus. „Und nachher ruft meine Mutter an.“
„Entschuldige bitte“, bat Katrin, „ich hab’s nicht so gemeint.“
Elke nahm lächelnd die Hand ihrer Freundin. „Ist schon gut. Ich weiß doch, von wem es kommt.“

*

Unsicher stand Gerd Frohwin einige Zeit später an der Tür zum Speiseraum. Klein und schmächtig, schien er eher ein Kind statt ein Jugendlicher von sechzehn Jahren zu sein. Seiner völligen Erblindung wegen musste er von einer Schule für Sehbehinderte in eine Blinden-schule überwechseln. Seine häuslichen Verhältnisse waren undurchsich-tig. Den Papieren nach, die er aus der alten Schule mitbrachte, war sein Elternhaus nicht gerade das, was man einen guten Rückzugsort nennen konnte. Von ihrem Ehemann misshandelt, war Gerds Mutter zur Alkoholikerin geworden.
„Hi Gerd“, rief Elke, stand vom Tisch auf und ging dem Jungen entgegen. Sie hatte soeben durch den Sozialdienst von dem neuen Mitschüler erfahren.
Zögernd trat der Junge näher.
„Du bist der Neue?“, fragte Elke.
„Ja.“ Die Stimme des Jungen schien von weither zu kommen.
Langsam streckte Elke ihre Hand zum Gruß aus. Als der Junge ängst-lich zurückwich, sah sie irritiert auf ihre Hand hinab. „Bist du immer so abweisend?“, fragte sie, nur um etwas zu sagen. So, wie sich ihr Gegen-über benahm, würde er es in der Gruppe schwer haben. Hier herrschte ein außergewöhnlich gutes Klima. Jeder achtete den anderen. Allerdings waren Außenseiter auch für die Schüler der zehnten Klasse ein Pro-blem.
„Ich bin nicht abweisend.“
„Was bist du dann?“
Gerd zog sich zurück. „Ich habe Angst.“
Was ist das für ein Junge?, fragte sich Elke. Nach kurzem Überlegen beschloss sie, das bevorstehende Telefonat mit ihrer Mutter knapp zu halten und beim nächsten Mal ausführlicher mit ihr zu reden. Zögernd sagte sie: „Ich muss an die Luft. Möchtest du mitkommen? Noch haben wir schönes Wetter. Der Herbst kommt früh genug. Ich könnte dir die Gegend zeigen.“
Gerd stimmte zu und schloss sich Elke an. „Hast du eine Familie?“, fragte er, als sie einen schmalen Weg entlanggingen.
Elke stutzte. „Wie meinst du das? Jeder hat doch eine Familie.“
„Ich nicht.“
Abrupt blieb sie stehen. „Rede nicht so einen Blödsinn!“ Dann erin-nerte sie sich an die Worte des Sozialarbeiters. Gerds Mutter war Alkoholikerin, ihr Vater schlug sie, und seine elfjährige Schwester wurde vernachlässigt. So etwas konnte man tatsächlich nicht „Familie“ nennen. Elke dachte an ihre eigenen Eltern in Berlin. Wie gut hatte sie es dort. Natürlich gab es gelegentlich Reibereien, doch die waren schnell wieder ausgeräumt.
„Trotzdem habe ich keine Lust, hier zu sein“, fuhr Gerd fort. „Ich muss doch meine Mutter beschützen. Und meine Schwester ist …“
„Du hast noch eine Schwester?“, fragte Elke, obwohl sie das ja schon von dem Sozialarbeiter wusste. „Wie alt ist sie?“
„Elf.“
„Wie heißt sie?“, bohrte Elke nach.
„Lisa.“
Elke war es leid, Gerd jede Information aus der Nase ziehen zu müssen. In Übrigen war all dies jetzt auch nicht wichtig.