Heimatlos doch von Liebe getragen

Intro
Mit dampfendem Motor quälte sich der Trabant 500 den steilen Berg hinauf. Der Spätsommertag war, wie der Wetterbericht verkündet hatte, für Anfang September zu warm. Links und rechts des Weges lagen, so weit das Auge reichte, Felder der LPG.
Im Auto war es stickig und heiß. Selbst der Fahrtwind, der durch die offenen Fenster drang, brachte keine Kühlung. Uwe saß auf dem Rücksitz und schob spielerisch ein kleines Rennauto neben sich hin und her. Er war von klein auf blind. Vor ihm lag ein langer Weg, den er ab jetzt, oft ohne den Rückhalt seiner Eltern, würde gehen müssen. Mit fünf Jahren konnte das kleine Kerlchen davon noch nichts wissen. Seinen Eltern fiel es schwer zu akzeptieren, dass sie ihr Kind von nun an nicht immer bei sich hatten. An diesem Tag begann für die Familie ein neuer Abschnitt.
Die Steigung war bewältigt und es schien Uwe, als würde das Auto, dankbar für die Erlösung, schneller fahren, bis es abbremste und in eine holprige Seitenstraße einbog. Der Junge sah aus dem Seitenfenster. Mit seinem Sehrest erkannte er vorbeifliegende Schatten. Für ihn war dies Normalität. Er kannte es nicht anders. „Wo sind wir hier?“, fragte das Kind seine Mutter, die vor ihm auf dem Beifahrersitz saß.
„Wir sind schon in Oberlensbach.“
„Bleibt ihr bei mir?“
„Nein, wir müssen wieder nach Hause.“
„Warum?“
Frau Jäger schwieg.
Warum? Dieses kleine Wort schwirrte ihr durch den Kopf. Es ließ sie nachts nicht schlafen. Viel zu oft hatte ihr Sohn schon von zu Hause weggemusst. Vor einigen Jahren war er längere Zeit im Krankenhaus gewesen.
„Darf ich wieder mit nach Hause?“
„Das geht nicht.“
„Warum nicht?“
Da war es wieder. Wie ein Hammer schlug das Wort auf ihren Kopf. „Du wirst dort viele Kinder kennenlernen.“ Frau Jäger sagte das mehr, um sich selbst zu beruhigen. Was erzählte sie da eigentlich? Betrog sie sich nicht selbst? „Gestern hat die Kindergärtnerin angerufen. Sie freut sich sehr auf dich.“
Auch Herrn Jägers Gedanken drehten sich, während er das Auto ans Ziel brachte, nur um dieses eine Thema. Sein Beruf nahm ihn voll in Anspruch. Als Pfarrer setzte er sich mit ganzer Kraft für seine Kirchengemeinde ein. Für die Familie blieb wenig Zeit. Und nun brach sein Sohn in eine Welt auf, die politisch gesehen dem Elternhaus entgegenwirkte, dessen war er sich sicher. Notgedrungen musste er die Erziehung seines Kindes dem Staat überlassen.
Das Gespräch war verstummt. Das Surren des Schwungrades in Uwes Spielzeugauto vermischte sich mit dem Motorengeräusch des Trabants.
Immer wieder waren es dieselben Fragen, die den Eltern durch den Kopf gingen. Es gab keine Alternative zu der Entscheidung, ihren Sohn ins Internat zu geben. Zum Glück wohnten sie in der Nähe. Zunächst blieb abzuwarten, wie sich der Junge einleben würde.
Trotz des einsetzenden Berufsverkehrs kamen sie gut voran, bis sie wenig später vor dem Eingang der Blindenanstalt an einem Pförtnerhäuschen hielten.
„Darf ich Ihnen behilflich sein?“, fragte ein älterer Herr, dessen Gesicht an einem kleinen Schiebefenster erschien.
„Wir möchten zum Kindergarten“, sagte Herr Jäger.
„Fahren Sie immer geradeaus. Nach etwa hundert Metern sehen Sie ein großes Gebäude.“
Langsam rumpelte das Auto den mit Kopfsteinpflaster belegten Weg entlang, bis das vom Pförtner beschriebene Gebäude zwischen einigen Bäumen erkennbar wurde. Aus einem offenen Fenster klang das Lachen von Kindern herüber.
„Da sind wir.“ Herr Jäger öffnete die Fahrertür. „Am besten ist es, wenn wir zusammen ins Haus gehen.“
Seine Frau öffnete ihre Tür und stieg, gefolgt von Uwe, aus dem Trabant.
Zögernd ging die Familie zum Eingang des Hauses. Die Mutter legte Uwes Hand auf ein Geländer und stieg mit ihm eine breite Steintreppe hinauf bis zu der großen Eingangstür, durch die sie das Gebäude betraten.
Eine ältere Frau kam strahlend auf die Besucher zu. „Sie sind bestimmt Familie Jäger. Kommen Sie bitte herein. Ich bin Frau Möllenberger.“ Sie führte die Neuankömmlinge in ihr Dienstzimmer. „Nehmen Sie doch Platz.“
Die Eltern setzten sich mit Uwe auf ein großes Sofa, während die Kindergärtnerin gegenüber der Familie an ihrem Schreibtisch Platz nahm. Prüfend schaute sie Uwe an. In ihrem Beruf hatte sie gelernt, Kinder einzuschätzen, und sie sah gleich, dass der Kleine es nicht leicht haben würde. Er machte auf Frau Möllenberger einen äußerst sensiblen Eindruck. Im Gruppenbuch stand über ihn, dass er mehrmals im Krankenhaus, also oft von zu Hause fort gewesen war. Das würde sein zukünftiges Leben im Internat nicht leicht machen. Er schien in sich gekehrt zu sein, und da war Fingerspitzengefühl gefragt.
Nach einer eingehenden Unterhaltung, in der auch die Formalitäten geklärt worden waren, drängte Herr Jäger zum Aufbruch. Leise begann Uwe zu weinen. Frau Jäger nahm ihn fest in ihre Arme. Diesmal war es nicht die Trennung, sondern das Heimweh des Jungen, das sie so anrührte. Wie hätte sie ihr fünfjähriges Kind richtig auf diesen Moment vorbereiten sollen?
Langsam gingen alle zum Auto. Herr Jäger drückte seinen Sohn zum Abschied fest an sich. Dann stieg er mit seiner Frau in den Trabant und fuhr langsam davon.
Mit Tränen in den Augen stand Uwe da. Dies war der Beginn eines neuen Lebens.

Erster Teil
Kapitel 1
Gelangweilt lehnte Uwe an der Hauswand. Die Sonne schien durch die Bäume, trockenes Laub löste sich von den Ästen. Zu Beginn des achten Schuljahres ließ Uwe die Vergangenheit noch einmal an sich vorbeiziehen. Seit er seine Internatskarriere im Kindergarten begonnen hatte, war viel Gutes, aber auch ebenso viel weniger Gutes geschehen. Politisch war er bisher weitestgehend in Ruhe gelassen worden. Uwe, obgleich nicht in der Pionierorganisation und auch nicht in der FDJ, hatte sich, um Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, dem System angeglichen.
Anders war es in der Klasse. Hier herrschte ein Klima, dem er nicht entrinnen konnte. Es gelang ihm kaum, sich anzugleichen. Sehende Kinder konnten nach einem Schultag mit ihren kleineren und größeren Problemen zu ihren Eltern gehen. Für ihn, der keine normale Schule, sondern das Internat besuchte, gab es diese Möglichkeit nicht. Nur wenige seiner Mitbewohner vertrauten sich den Erziehern an, wenn sie Kummer hatten.
Uwe wurde zusehends zum Einzelgänger. Dem Mobbing und den Intrigen seiner Klassenkameraden konnte er lediglich durch Spaziergänge im Gelände entrinnen.
Der Vierzehnjährige löste sich von der Hauswand und ging einen schmalen Weg entlang. Dabei wanderten seine Gedanken nach Hause zu seiner Familie.
Nachdem Uwe die erste Klasse hinter sich gebracht hatte, waren die Jägers in einen anderen Ort umgezogen. Bis dahin war Uwe jedes Wochenende daheim gewesen. Dies war nun nicht mehr möglich. Wie viele andere Schüler konnte er nur noch zu den Ferien nach Hause fahren. An diesen Zustand konnte sich Uwe in der ersten Zeit nur schlecht gewöhnen. Seine Eltern stellten eine Art Besuchsprogramm auf. Entweder wurde er einmal in der Woche von Bekannten oder Verwandten besucht oder diese holten ihn zu sich nach Hause. Das machte die Umstellung ein wenig leichter. Im Laufe der Zeit beschränkte sich diese hilfreiche Geste auf einige wenige Freunde. Besonders eine Tante, die in der Nähe der Blindenanstalt wohnte, kümmerte sich rührend um den Jungen.
Zögernd lenkte Uwe seine Schritte auf den Hauptweg, der ihn zu seinem Internatsgebäude führte. In diesem war er von der siebten bis zur zehnten Klasse untergebracht. Es war Zeit, Abendbrot zu essen. Die Erzieher duldeten keine Unpünktlichkeit. Außerdem war um zwanzig Uhr Politinformation und Wochenauswertung angesagt. Uwe hasste diese allwöchentliche Gruppenstunde.
„Hallo Uwe!“
Der Angerufene schreckte aus seinen Gedanken auf. Vor ihm stand Katja aus seiner Klasse. Das vierzehnjährige Mädchen war einen halben Kopf kleiner als er. Bevor Uwe sich mit Meike angefreundet hatte, war er in Katja verliebt gewesen. Sie wusste jedoch bis heute nichts davon. Woher auch? Er hatte sich damals nicht getraut, dem etwas hochmütigen Mädchen seine Zuneigung zu offenbaren. Viel zu groß war die Angst gewesen, abgewiesen zu werden.
„Hallo Katja“, erwiderte Uwe den Gruß.
„Wo warst du denn?“, fragte sie interessiert.
„Ich wollte allein sein.“
„Du willst immer allein sein. Wovor läufst du davon?“ Sie drängte sich an ihn und Uwe spürte ihren geschmeidigen, warmen Körper. Acht Wochen Ferien waren eine lange Zeit. Über diesen Zeitraum konnte sich ein junges Mädchen stark verändern.
Uwe schob sie von sich weg. „Katja lass das.“
„Du bist eigenartig“, sagte sie. Wenn dir ein Mädchen zu nahe kommt, ziehst du den Schwanz ein.“
„Ich mag das eben nicht“, entgegnete Uwe.
„Du bist langweilig. Das sagen auch die anderen Mädchen. Wahrscheinlich bist du feige.“ Katja wandte sich von Uwe ab und schritt mit erhobenem Kopf in Richtung Internatsgebäude.
In einigem Abstand folgte ihr Uwe. Jetzt werden sie wieder über mich lachen, dachte er. Bald werden alle von meiner Feigheit wissen. Sie werden überall herumerzählen, dass ich zu blöd bin, ein Mädchen zu berühren. Natürlich fasse ich Mädchen an. Melanie zum Beispiel. Sie lässt es sich gefallen und sagt es auch nicht weiter. Es gibt kaum einen Jungen, der es bei ihr nicht schon versucht hätte. Ihr scheint es sogar zu gefallen.
In Gedanken versunken betrat Uwe das Haus durch den Hintereingang. Von den Schuhregalen her hörte er Katja mit jemandem reden. Er erkannte die Stimme von Diana.
„Du bekommst ihn nicht. Er ist in Meike verknallt“, sagte sie gerade.
„Der Kerl ist langweilig“, hörte er Katja sagen. „Außerdem stinkt er.“ Beide Mädchen lachten laut auf und verschwanden im Haus.
Uwe hob einen Arm, um zu prüfen, ob er nach Achselschweiß roch. Er schämte sich.

Später, im Speiseraum, kaute der Teenager lustlos an einem Wurstbrot. Das Gelächter der Mädchen ging ihm nicht aus dem Kopf. Beim nächsten Mal würde er sich einen Ruck geben und dem Drängen Katjas nachgeben. Aber was wäre, wenn sie es dann überall herumerzählte? Nicht auszudenken.
Diana, die zwei Plätze weiter saß, stieß ihren Mitschüler mit dem Fuß an. „Viele Grüße von Katja.“
„Danke.“
„Weißt du, was sie gesagt hat?“
Uwe nahm sich eine zweite Scheibe Brot und bestrich sie, mehr aus Verlegenheit als aus Appetit, mit Leberwurst. „Was denn?“
„Sie hat gesagt, du seist langweilig.“
„Sie hat mich vor dem Haus angemacht, und so etwas mag ich nicht“, verteidigte sich Uwe. „Außerdem bin ich mit Meike zusammen.“
„Morgen ist Disco. Da kannst du sie ja mal ...“
Uwe überging Dianas Geschwätz, stand auf und verließ den Speiseraum, um sich auf die Politinformation vorzubereiten. Er war in dieser Woche mit der Ausgestaltung dran. Das hieß, jeden Tag vor dem Fernseher zu sitzen und während der Nachrichtensendung mehr oder weniger Interessantes mitzuschreiben, das er der Klasse vortragen konnte.
Die daran anschließende Wochenauswertung war eher dafür da, um Schüler, ob anwesend oder nicht, zu ver- oder zu beurteilen.
Im Schlafraum angekommen, holte Uwe seine während der Woche gesammelten Notizen aus dem Wäscheschrank. Auf dem Bett verteilt bildeten die Zettel ein einziges Chaos. Jetzt galt es, Sinnvolles von Sinnlosem zu unterscheiden. „Das wäre eigentlich schon viel früher dran gewesen“, fluchte der Junge. Nur wenige Informationen entsprachen seiner Überzeugung. Uwe hatte schon zeitig lernen müssen, politisch gegen die eigene Überzeugung zu handeln.
Die Tür sprang auf und Friedrich stürmte in den Raum. Der baumlange, etwas schlaksig wirkende Junge ging in die neunte Klasse. „Bist du mit der PI dran?“, fragte er außer Atem.
„Ja.“
„Kannst du mir helfen?“
„Wobei?“ Uwe tat verständnislos.
„Ich bin heute dran und hab es vergessen.“
„Und jetzt soll ich dir aus der Patsche helfen? Frag lieber bei der Siebten oder der Zehnten nach. Ich habe selbst nicht viel.“
„Da war ich schon.“
„Und?“
„Claudia gibt mir nichts und Rainer aus der Zehnten hat auch nicht genügend Infos.“
„Als ob jeder etwas anderes vorbereiten muss“, maulte Uwe. „Der politische Kram ist Schnickschnack.“
„Lass das ja niemanden hören.“
„Na und?“ Uwe deutete auf die auf dem Bett verstreuten Notizen. „Immer dasselbe Gewäsch.“ Er zog wahllos einen Zettel aus dem Haufen. „Hör dir das an.“ Raschelnd glitten seine Finger über das mit Blindenschrift beschriebene Papier. ‚Am Montag trafen sich mehrere Staatsoberhäupter sozialistischer Staaten zum gegenseitigen Meinungsaustausch. Man kam zu übereinstimmenden Ergebnissen.‘ Wütend knallte Uwe den Zettel auf das Bett zurück. „Da rollen sich einem doch die Fußnägel hoch! Denken die, wir sind bescheuert?“
Friedrich schwieg. Von zu Hause wusste er, besser als sein Gegenüber, dass man sich solche Ausbrüche nicht leisten durfte.
Uwe jedoch war nicht zu halten. Er griff sich einen weiteren Zettel. Kurz glitten seine Hände über die Zeilen. „Das solltest du dir auf der Zunge zergehen lassen: ‚Fünfjahresplan nicht nur erfüllt, sondern übererfüllt.‘“
Friedrich grinste. „Gib mir den Zettel. Das lese ich heute Abend vor.“
„Es steht aber nicht dabei, wie und bei wem oder was der Plan übererfüllt wurde“, räumte Uwe ein.
„Das macht nichts. Pläne werden stets übererfüllt. Auf welchem Gebiet auch immer.“
„Da kannst du auch gleich die Staatsoberhäupter mitnehmen. Ich kralle mir das Erdbeben und die Geiselnahme.“ Uwe wühlte in dem Papierhaufen. „Was haben wir denn da?“ Er strich einen zerknitterten Zettel glatt. „Vorige Woche wurde in Berlin ein neuer Kindergarten eröffnet.“
Friedrich hob beide Hände gen Himmel. „Ein echter Höhepunkt in der Menschheitsgeschichte.“
„Genau“, bestätigte Uwe. „Diese Neuigkeit gebe ich zum Besten. Das wird die Massen aufrütteln. Als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik muss man wissen warum, wo und ob überhaupt ein Kindergarten eröffnet wird. Die Missstände in den Internaten werden gedeckelt. Und dass in der Hauptstadt Kindergärten eröffnet werden, scheint erwähnenswert.“
„Ich habe gehört“, wechselte Friedrich das Thema, „du hast Katja abblitzen lassen? Wart ihr allein?“
„Draußen vorm Haus.“ Uwe war das Thema unangenehm.
„Ich dachte, du bist in sie verknallt.“
„Ich liebe Meike. Außerdem hat Katja mit Diana über mich gequatscht.“
„Von der habe ich es ja erfahren.“
„Ach ja? Das geht jetzt im ganzen Haus herum?“, ereiferte sich Uwe von Neuem.
„Morgen ist Disco. Eine bessere Möglichkeit, Katja vom Gegenteil zu überzeugen, gibt es nicht“, riet ihm Friedrich. „Nimm sie durch. Dann bist du groß raus und sie hat bekommen, was sie schon so lange von dir will.“
„Du bist bescheuert. Nimm sie doch selbst. Meinen Segen hast du. Ich muss jetzt in den Gruppenraum. Die PI fängt bald an.“
„Vergiss deine Geisel und das Erdbeben nicht“, riet Friedrich.
„Nimm du lieber deine Staatsoberhäupter und die Planüberfüllungen mit. Ich kümmere mich um den Kindergarten“, entgegnete Uwe, sammelte seine Notizen ein und verließ zusammen mit dem Neuntklässler den Schlafraum.

Im Gruppenraum der achten Klasse kam Meike auf Uwe zu. „Hast du heute die Politinformation?“
„Ja, wieso?“
„Warst du heute Vormittag dabei?“, fragte sie zögernd.
„Was meinst du?“
„Als Anita sich mitten in der Klasse ausziehen und Papier essen musste. Helmut wollte fühlen, ob ...“
Uwe unterbrach seine Gesprächspartnerin. „Das brauchst du mir nicht zu erzählen. Ich kann mir denken, wonach er gesucht hat.“
Meike ließ nicht locker. „Kannst du das in der Wochenauswertung zur Sprache bringen?“
„Auf keinen Fall. Morgen schlägt mich Helmut wieder zusammen und ihr schaut zu. Heute habt ihr vor der Biostunde ja auch zugesehen, wie er mir zwischen die Beine getreten hat. Du kannst Anita genauso zur Sprache bringen.“
Im Inneren wussten beide, dass sich niemand trauen würde, sich über Helmut negativ zu äußern. Als Tagesschüler genoss er Narrenfreiheit. Statt gegen ihn vorzugehen, schauten alle den Demütigungen zu, die er einem Mitschüler zuteilwerden ließ.
„Meike, wir sind eine Klasse der Zuschauer“, brauste Uwe auf. „Ihr seht zu, wie ich zusammengetreten werde. Wir sehen zu, wie Anita nackt in der Klasse steht, Helmut an ihr herumfummelt und sie Papier fressen muss. Andere sehen zu, wie Helmut dir die Arme umdreht oder Sonja in den Bauch schlägt. Nach außen hin sind wir eine Musterklasse und innen drin ein Sauhaufen! Nehmen wir nur die Hausversammlung vorige Woche. Alle fanden meine Frage, warum wir keine Westsender hören dürfen, obwohl alle Lehrer und Erzieher zu Hause eben diese empfangen, toll. Am nächsten Tag habt ihr zugesehen, wie mir Helmut mit beiden Armen die Kehle zugedrückt und mich über den Fußboden gezogen hat.“
„Du weißt genau“, fiel Meike ihm ins Wort, „dass wir gegen ihn nicht vorgehen können.“
„Weil wir Feiglinge sind.“
„Nein“, widersprach sie. „Weil er sofort seine Eltern auf dem Plan rufen würde.“

Langsam füllte sich der Gruppenraum. Uwe setzte sich an einen Tisch, breitete die Notizen vor sich aus und las sie noch einmal durch. Nach einer Weile stutzte er. Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. Erdbeben und Geiselnahme waren zwar äußerst tragisch, spielten sich aber in den westlichen Ländern ab. Den innenpolitischen Teil hatte ja der aus der Neunten. Nun, es musste halt so gehen. Da war doch was mit Staatsoberhäuptern, die sich wieder mal über etwas einigten. Sie waren immer einer Meinung, wusste Uwe. Richtig, da war noch die Eröffnung des Kindergartens. Das war eindeutig Innenpolitik. Das konnte man zuerst anbringen. Erst die Innenpolitik und zuletzt das westliche Erdbeben.
Dank der spärlichen Informationen dauerte die PI nicht lange.
Als es zur Wochenauswertung ging, beschlich Uwe ein dumpfes Gefühl. Es ging bestimmt wieder um ihn. Oft war ausgerechnet er Gegenstand von Diskussionen. Nein, heute würde jemand anderes dran sein, dafür würde er sorgen: „Ich möchte mich über Helmut beschweren“, meldete er sich zu Wort.
„Worum geht es?“, fragte Frau Langenrot.
„Anita musste sich heute in der Klasse wieder ausziehen und Papier essen.“
„Stimmt das?“, fragte die Erzieherin mit Blick auf das Mädchen.
Die Angesprochene schwieg.
„Was sagen denn die anderen?“, bohrte Frau Langenrot nach.
„Es stimmt“, bestätigte Meike schließlich.
„Darüber werde ich mit den Eltern reden.“ In dem Moment, wo sie dies sagte, wusste Frau Langenrot, dass dies nahezu sinnlos war. Die Eltern schützten ihren Sprössling, was auch immer er anstellte. „Eigentlich ist das Sache der Schule. Ich mische mich da besser nicht ein. Das bringt nur Probleme. Wer weiß, wie es wirklich war. In dieser Klasse deckt und denunziert ja jeder jeden. Vielleicht hat Helmut nur mal druntergefasst. Das macht doch in dem Alter jeder.“ Frau Langenrot strich die Notiz durch. Damit hatte sich für sie die Sache erledigt. Sollten sich andere die Finger verbrennen!

Kapitel 2
Uwe betrat das Schulhaus. Ein Geruch, wie er jedem Schulgebäude eigen ist, strömte ihm entgegen. Der Junge hatte während der letzten Nacht schlecht geschlafen. Er war am Abend in der Wochenauswertung zu weit gegangen und die Quittung würde auf dem Fuße folgen. Helmut ließ das bestimmt nicht auf sich sitzen.
Zögernd betrat er das Mathematikkabinett. Helmut, ein stämmiger, Uwe um Haupteslänge überragender Bursche, stand bei Diana. Die beiden waren in ein Gespräch vertieft. Bianka hielt sich vor dem Bücherregal auf und strich suchend mit ihren Fingern über die Buchrücken. Endlich fand sie das gesuchte Lehrbuch und brachte es zu ihrem Platz. Dietrich, ein Junge mit langen, fettigen Haaren und einem pickligen Gesicht, blätterte in seinem Buch.
Uwe ließ die Szenerie auf sich wirken. Alles machte einen friedlichen Eindruck. Helmut hatte offenbar nichts erfahren. Die Hälfte der Klasse fehlte noch. Fünf Minuten verblieben bis zum Beginn der Stunde. Uwe wühlte in seiner Schultasche nach den fertigen Hausaufgaben. Schließlich kam der Mathehefter zum Vorschein. Er legte ihn auf den Tisch, packte die Blindenschriftmaschine aus und spannte ein frisches Blatt ein. Zuletzt nahm sich Uwe ein Buch vom Regal. Kurz darauf stürmten die letzten Mitschüler in den Klassenraum.
„Hier stinkt es“, rief Katja angewidert und riss ein Fenster auf.
„Ein Zeichen dafür, dass Uwe schon da ist“, lachte Helmut.
Hektisch legten die Nachzügler ihre Unterrichtsmaterialien zurecht.
Kurz nach dem Klingelzeichen hastete Herr Wahrenhold in den Raum. Er war immer in Eile. Seinem dicken Bauch war der gute Appetit anzusehen. In der einen Hand trug er eine stark abgewetzte Tasche und in der anderen eine zusammengerollte Zeitung. Die Schüler standen auf. Hinter den Stühlen stehend verfolgten sie, wie ihr Mathematiklehrer in seiner Tasche kramte und verschiedene Dinge auf dem Tisch ausbreitete. „Wo ist das Klassenbuch?“, fragte er endlich.

Uwe, der das Buch jeden Morgen aus dem Lehrerzimmer holte und es tagsüber verwaltete, nahm es aus seiner Schultasche und brachte es zum Lehrertisch.
Herr Wahrenhold wartete, bis sein Schüler wieder hinter dem Stuhl stand. „Freundschaft!“, grüßte er die Klasse.
„Freundschaft!“
„Setzt euch! Ich diktiere nun einige Aufgaben, die ihr entweder gleich in der Mathestunde oder heute Nachmittag lösen könnt. Mir wäre es jedoch lieb, wenn ihr es sofort erledigt.“
Die Schüler rückten ihre Punkschriftmaschinen zurecht und warteten.
Nachdem alle Aufgaben diktiert waren, nahm der Lehrer seine Zeitung zur Hand und überließ die Klasse ihrer Arbeit.
Uwe war ein Kreuz in Mathe. Brüsk schob er die Maschine zur Seite. Am Nachmittag war auch noch Zeit. Er legte seinen Kopf auf die Tischplatte und glitt wenig später in das Reich seiner Tagträume.
Plötzlich stieß ihn sein Banknachbar an. Uwe griff nach einem Zettel, der auf seinem Schoß gelandet war. Er war also nicht der einzige Träumer in dieser Schulstunde. Jedenfalls schien jemand anderes genug Zeit zu haben, Briefe zu verschicken. Verwundert las Uwe: „M. liebt U.“ Der Junge stutzte. Mit „U.“ konnte nur er gemeint sein. Aber wer um alles in dieser Welt war „M.“? Die Matheaufgaben waren nun vollständig vergessen. Er zog seine Punktschrifttafel zu sich heran, legte den Zettel ein, nahm den Griffel und schrieb: „Wer ist M.?“ Und schon trat der Zettel die Rückreise an, doch Uwe wartete vergebens auf eine Antwort.
Er fand keine Ruhe. In seiner Klasse gab es nur ein Mädchen, dessen Vorname mit „M“ anfing: Meike. Und alle Mitschüler wussten, dass er und sie zusammen waren.
Wieder kam ein Zettel. „Komm heute Abend zur Disco.“
Das hatte er sowieso vorgehabt, und zwar nicht wegen irgendeines Mädchens, sondern wegen Meike.
Endlich klingelte es zur Pause.
Deutsch, Englisch und Chemie überstand Uwe wie im Traum. Gespannt sah er dem Abend entgegen. Erstaunlicherweise ließ Helmut ihn an diesem Vormittag weitestgehend in Ruhe.

Zum Mittagessen gab es Brühnudeln, in denen einige Brocken Hühnerfleisch schwammen. Angewidert nahmen die Schüler das Essen entgegen. Es gab nur wenige, die es sich schmecken ließen. Die meisten strebten dem Futterkübel vor der Haustür zu. Auch Uwe jonglierte seinen bis zum Rand gefüllten Teller an den Tischen vorbei zur Tür des Speisesaals. Zu spät bekam er mit, dass Meike geradewegs auf ihn zukam. Im nächsten Moment stießen sie zusammen und sein voller Teller entleerte sich zwischen ihnen. Fassungslos sahen die beiden an sich hinab. Meike fand zuerst die Sprache wieder und lachte aus vollem Halse.
Schimpfend kam einer der Erzieher, Herr Eichenhorst, mit einem Eimer Wasser und einem Wischlappen heran. „Ich muss jetzt den ganzen Scheiß sauber machen.“
„Uns auch?“, fragte Meike, immer noch lachend.
„Ihr zieht euch erst einmal um. Macht aber hin. Ihr müsst zu den Hausaufgaben.“
Meike grinste. „Wo sollen wir denn hinmachen?“
Herr Eichenhorst, ein hochgewachsener, drahtig wirkender Mann, überhörte diese Frage. Er war einer der beiden Gruppenerzieher der achten Klasse. Trotz seiner cholerischen Art war er bei den Jugendlichen beliebt. In seiner Kirchgemeinde war er sehr engagiert. Leider musste Herr Eichenhorst im Dienst, wie viele andere auch, mit dem Strom schwimmen. Uwe würde viel später, nach der Internatszeit, erkennen, auf welcher Seite sein ehemaliger Erzieher stand. In seinem bisherigen Leben hatte er viele Lehrer und Erzieher kennengelernt, deren private Meinung gegenüber der Gesellschaft im Widerspruch zur Lehrmeinung stand. Wenn sie auch mit dem Strom schwimmen mussten, versuchten sie doch, den Kindern und Jugendlichen das Leben in Oberlensbach so leicht wie möglich zu machen. Leider musste Uwe, der in den späteren Jahren politisch eine stärker werdende Kontrastellung einnehmen würde, spüren, dass es Lehrer gab, die Informationen an staatliche Stellen weitergaben. Die Staatssicherheit machte auch vor den Toren der Blindenanstalt nicht halt. Herr Eichenhorst, der es als Gruppenerzieher der Klasse und auch im eigenen Kollektiv nicht leicht hatte, versuchte seiner christlichen Einstellung und dem Gesellschaftssystem in seinem Beruf gerecht zu werden und den Jugendlichen von der dritten bis zur zehnten Klasse gleichsam eine väterliche Bezugsperson zu sein.
Schnell verschwand Uwe im Schlafraum, um sich umzukleiden. Viel besaß er nicht. Es musste immer irgendwie reichen. Als er den Raum wieder verlassen hatte, traf der Teenager im Treppenhaus auf Meike.
„Hast du einen Moment Zeit?“, fragte sie vorsichtig.
„Ich muss Hausaufgaben machen. In Mathe habe ich gepennt.“
„Du kannst von mir abschreiben. Dann geht es schneller.“
„Hast du mir den Brief geschrieben?“, fragte er.
„Ja“, gab das Mädchen zu.
„Was willst du damit bezwecken?“
„Genau das, was ich dir geschrieben habe.“
„In dieser Klasse liebt mich keiner. Eines Tages bekommt Helmut seine Quittung. Ich schlage ihn krankenhausreif.“ Uwe nahm Meikes Hand und ließ sie über einige Narben an seiner linken Hand gleiten.
„Was ist das?“, fragte sie verständnislos.
„Brandblasen.“
„Wo hast du die her?“
„Es war im letzten Winter. Helmut übergoss meine Hand mit Benzin. Er behauptete, wenn ich stillhalte, würde das Benzin über meiner Hand abbrennen, ohne dass ich etwas spüre. Ich Idiot habe das auch noch geglaubt. Er nahm sein Feuerzeug und setzte das Benzin in Brand.“
Meike schwieg erschüttert.
„Ihr hättet alle zugeschaut, wenn ihr dabei gewesen wäret“, entrüstete sich Uwe.
„Hast du es jemandem erzählt?“
„Meinen Eltern habe ich gesagt, dass ein Schlitten über meine Hand gefahren ist. Es ist ja im Winter passiert.“
„Das tut mir leid. Es stimmt, was du mir gestern gesagt hast: Wir sind ein Sauhaufen. Nach außen tun wir schön, haben immer den ersten Platz im Altstoffsammeln, gestalten am besten von allen die Fahnenappelle aus und so weiter.“
Uwe unterbrach Meikes Redefluss. „Gibst du mir deine Matheaufgaben?“
„Die habe ich in meinem Schrank.“
Uwe grinste. „In den Mädchenschlafraum darf ich nicht.“
„Das merkt doch keiner. Ich werde dir nur die Aufgaben in die Hand drücken. Das wird ja wohl noch erlaubt sein. Davon bekommt man keine Kinder.“
Uwe folgte Meike in den ersten Stock, wo sich neben den Gruppenräumen auch die Mädchenschlafräume befanden. Nach einundzwanzig Uhr durfte sich auf dieser Etage kein Junge mehr aufhalten. Uwe blieb an der Schlafraumtür stehen, während seine Freundin ihrem Kleiderschrank den Zettel mit den Mathematikaufgaben entnahm. Langsam ging sie zu Uwe und blieb nah vor ihm stehen. Meike trug schulterlanges Haar. Für ihr Alter von vierzehn Jahren war sie klein und sehr dünn.
Ihr Freund beherrschte seine Neugier und zog sich, nachdem er den Zettel entgegengenommen hatte, langsam von ihr zurück. „Ich gehe jetzt ins Schulhaus und mache meine Hausaufgaben“, sagte er und wandte sich der Treppe zu.
„Uwe“, rief ihm seine Mitschülerin nach.
Der Angesprochene blieb stehen. „Was ist noch?“
„Gehst du heute Abend zur Disco?“
„Ja.“
„Nimmst du mich mit?“
„Sehr gern. – Ich muss jetzt los“, mahnte Uwe. Er rannte die Treppe hinunter, verließ das Haus und ging zum Schulgebäude. Uwe ging über eine große Treppe in die erste Etage. Oben angekommen blieb er stehen und lauschte. Vom Erdgeschoss her klang der Gesang des Kinderchores an seine Ohren. Des Stimmbruches wegen hatte er vor einiger Zeit die Teilnahme an diesem Chor aufgeben müssen. Rechts von ihm war aus einem Zimmer heftiger Lärm zu hören. In der sechsten Klasse war wohl wieder mal der Teufel los. Gemessenen Schrittes ging der Schüler nach links. Am Ende des riesigen Flures befand sich der Raum der achten Klasse. Uwe öffnete die Tür und betrat den Raum.
Helmut stand am Fenster. „Wer kommt da?“, fragte er.
„Ich bin es.“
„Ach, Uwe“, stöhnte der andere. „Du hast mich gestern verpfiffen.“
„Wer sagt das?“
„Das ist doch egal.“
Uwe wich zurück und spürte hinter sich einen Schrank. Helmut verfügte über einen guten Sehrest. Er würde ihn auf alle Fälle finden. Langsam kam der hochgewachsene Teenager vom Fenster her auf ihn zu und blieb kurz vor ihm stehen.
Uwe wusste, dass er und sein Widersacher nicht allein im Raum waren. Doch niemand sagte etwas. Ohne Vorwarnung spürte er plötzlich Helmuts Faust in seinem Bauch. Uwe schnappte nach Luft und rutschte am Schrank abwärts.
Plötzlich drückte Helmut ihm die Kehle zu und ließ erst nach einer Weile von seinem Opfer ab. Dann trat er ein paar Schritte zurück.
Uwe rappelte sich auf. Ihm war übel und sein Hals brannte. Wortlos holte er die Blindenschriftmaschine aus dem Klassenschrank und suchte seinen Platz auf.
„Schreibst du die Matheaufgaben ab?“, hörte er Diana hinter sich fragen.
„Ja“, antwortete Uwe und hielt sich den Bauch vor Schmerzen.
„Von wem?“
„Das geht dich einen Scheißdreck an.“
„Bestimmt von Meike“, ertönte nun Katjas Stimme. „Wo ist die überhaupt?“
„Ich habe von Weitem mitbekommen, wie sie mit Uwe im Mädchenschlafraum war“, antwortete Diana.
„Das ist nicht wahr!“, ereiferte sich der Verdächtigte. „Ich bin vor der Tür stehen geblieben.“
„Katja, den kannst du heute vergessen. Der geht mit Meike zur Disco. Er war bestimmt mit ihr im Bett“, lästerte Helmut. „Das Schwein riecht schon danach. Was findet die nur an dem?“ Während er das sagte, ging er zur Tür. „Ich muss nach Hause.“
„Kommst du heute Abend mit, Helmut?“, fragte Diana.
„Nein.“
„Das ist schade.“
„Ich habe keine Zeit.“ Damit verließ Helmut den Raum.
„Irgendwann erschlage ich ihn“, flüsterte Uwe.
„Eher erschlägt er dich“, lachte Katja. „Bevor du gekommen bist, hat er Anita in die Mangel genommen.“
„Schon wieder?“
„Sie stinkt mal wieder nach Fisch. Wie jedes Mal, wenn sie ihre Regel hat“, lachte Diana.
Wortlos holte Uwe Meikes Hefter aus seiner Schultasche und fing an, die Ergebnisse der Matheaufgaben abzuschreiben.
„Kann ich den Hefter auch haben?“, fragte Katja nach einer Weile.
„Nein, den gebe ich nicht aus der Hand.“
„Darf ich dann bei dir abschreiben?“
„Auf keinen Fall. Du kannst allein rechnen.“
Die Aufgaben waren schnell erledigt. Uwe räumte die Hefter in die Schultasche und stellte seine Blindenschriftmaschine in den Klassenschrank zurück. Langsam ging er zu Anita und fragte sie: „Was war wirklich los?“
Das Mädchen schwieg.
„Das geht nicht so weiter“, setzte Uwe nach. „Du musst es den Erziehern sagen oder am besten deinen Eltern.“
„Macht sie ja doch nicht!“, platzte Anitas Banknachbarin heraus.
„Diana“, regte sich Uwe auf. „Du als Mädchen müsstest eigentlich wissen, wie demütigend es ist, was Anita erleben muss. Ich jedenfalls weiß, wie es ist, wenn man vor lauter Angst nächtelang nicht schlafen kann. Als Mädchen müsstest du ihr beistehen.“
„Wie komme ich dazu?“ Dianas Stimme klang unbeteiligt.
„Stell dir vor, man würde dasselbe mit dir tun.“
„Zwischen mir und Anita gibt es einige Unterschiede. Möchtest du sie wirklich wissen?“
Uwes Gesicht färbte sich rot. Weniger aus Wut. Mehr aus Scham. „Diana, ich brauche das nicht zu wissen. Im Übrigen kann ich es mir denken.“
„Dann ist doch alles gut.“
Wutschnaubend sprang Uwe auf, verließ den Klassenraum und knallte die Tür hinter sich zu. Als er den Flur entlang rannte, vernahm er eilige Schritte auf der Treppe.
Es war Meike, die ihm hastig entgegen kam. „Ich wollte nachsehen, wo du bleibst. Hast du die Ergebnisse abgeschrieben?“
„Ja“, antwortete Uwe einsilbig.
„Ist was passiert?“
„Nein, nichts.“
„Uwe, ich kenne dich. Du verschweigst mir etwas. War Helmut da?“
Uwe zählte auf: „Helmut, Diana, Katja und Anita.“
Das Mädchen wartete. Sie kannte ihren Freund gut genug, um zu wissen, wie schwer es war, zu ihm durchzudringen.
Plötzlich warf sich der Junge in ihre Arme und begann hemmungslos zu weinen. „Ich halte das nicht mehr aus! Für mich gibt es nur noch drei Möglichkeiten, all dem zu entrinnen.“
Meike erschrak, versuchte aber Ruhe zu bewahren. Sie hielt Uwe fest, bis dieser sich beruhigt hatte, und zog ihn dann in einen freien Raum. „Was ist geschehen?“, fragte sie schließlich.
Uwe erzählte, was ihm gerade widerfahren war.
Seine Freundin hörte ihm ruhig zu. Im Inneren jedoch kochte sie vor Wut.
Nach einer Weile des Schweigens sprach Uwe: „Wie ich schon sagte, habe ich drei Möglichkeiten: Ich haue aus dem Internat ab, schlage Helmut zum Krüppel oder werde so krank, dass ich wochenlang nicht schulfähig bin.“
„Ich kann deine Gedanken nicht nachvollziehen“, sagte Meike nach kurzem Überlegen. „Die erste Variante kannst du voll vergessen. Die zweite ist strafbar. Bleibt nur die dritte Möglichkeit. Was meinst du damit?“
„Das wirst du schon sehen.“
„So geht es nicht“, protestierte Meike. „Ich möchte es jetzt wissen.“ Sie stand auf und schüttelte Uwe sanft. Plötzlich durchfuhr sie ein schrecklicher Gedanke. Sie packte ihn und zog ihn aus dem Raum zum Treppengeländer. Vor den beiden Teenagern lag lauernd der Treppenschacht. Zwei Wochen zuvor hatte sich an dieser Stelle Marika aus der zehnten Klasse das Leben genommen. Ihr war es ähnlich ergangen wie Uwe, Anita und einigen anderen Schülern, bis sie es nicht mehr ausgehalten hatte.
Eine Weile standen die Freunde, die Hände auf dem Geländer, schweigend da.
„Möchtest du Marika folgen?“, brach das Mädchen schließlich das Schweigen.
„Nein!“
„Was dann?“
„Du wirst schon sehen.“
Uwe zog Meike vom Geländer weg und schob sie sanft die Treppe hinunter. „Wir haben hier nichts mehr zu suchen.“
Vor dem Schulhaus zog ihn Meike fest zu sich heran. „Tue nichts Unüberlegtes, Uwe. Was du vorhast, bringt dich kein Stück weiter. Weißt du, mir geht es nicht viel besser als dir. Diana schikaniert uns Mädchen auch ständig. Was bei uns im Schlafraum tagsüber und vor allem nachts abläuft, davon habt ihr nicht mal eine Ahnung. Und das ist auch besser so.“
„Was meinst du damit?“ Uwe wollte es nun genau wissen.
„Kennst du noch aus der ersten und zweiten Klasse das Spiel ‚Erzieher – Kind‘?“
Uwe überlegte. „Ja, ich glaube schon. Einige Mitschüler waren die Erzieher und andere die Kinder, richtig?“
„Genau das meine ich“, bestätigte Meike.
Wo andere über einen gewissen Zeitraum „Mutter – Vater – Kind“ gespielt hatten, hatte es in dieser Klasse das Spiel „Erzieher – Kind“ gegeben. Es hatte sich über einen langen Zeitraum und ohne Pause abgespielt. Ob vormittags in der Schule, nachmittags in der Freizeit oder nachts im Schlafraum. Daraus hatten sich Stück für Stück verschiedene Hierarchieebenen entwickelt.
„Uwe, dieses Spiel gibt es immer noch. Bei uns äußert sich das in Form von Schlafentzug und verschiedenen anderen Schikanen. Mädchen, die körperlich noch nicht so weit entwickelt sind wie andere Mädchen ihres Alters, werden verspottet. Ihre Wäsche wird aus dem Fenster geworfen und ihre Schultaschen werden ausgeschüttet. Diana schiebt uns Zahnbürsten in den Po und in die Scheide. Das nennt sie Fiebermessen. Und wir müssen nachts wach bleiben. Wer das nicht tut, wird am nächsten Tag von Helmut zusammengeschlagen. Glaub mir, Psychoterror ist nicht besser, als geschlagen und getreten zu werden.“
Uwe war erschüttert und fragte: „Das geht alles von Diana aus?“
„Ja.“
„Und welche Rolle spielt Katja bei all dem?“
„Sie möchte nicht auf der Seite der Schwächeren stehen. Deswegen gleicht sie sich Diana an.“
„Genau das mag ich an dieser Klasse so. Aus Angst, selbst ins Fadenkreuz zu geraten, hilft man, andere zu demütigen. Davon sind wir beide auch nicht frei. Wir machen bei diesem Schwachsinn mit und fühlen uns sogar noch wohl dabei.“
Uwe und Meike entfernten sich vom Schulgebäude und liefen auf einem Seitenweg weiter. Trockenes Laub raschelte unter ihren Füßen und von Ferne hörten sie den Lärm der Großstadt. Hin und wieder ließ sich ein vergessen geglaubter Vogel in den Zweigen eines Baumes vernehmen. Meike lenkte, von Uwe gefolgt, ihre Schritte zu einem verfallenen Friedhof. Hier lagen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg. Einzelne Gräber waren von Unkraut und Gestrüpp überwuchert.
Meike trat zu einem vom Unkraut befreiten Grabstein. „Uwe“, setzte sie das unterbrochene Gespräch fort, während sie ihren Freund fest an sich drückte, „alle genannten drei Möglichkeiten schaden nur dir selbst. Mit Gewalt, egal ob gegenüber anderen oder gegen sich selbst, löst man keine Probleme. Irgendwann holen diese einen wieder ein.“

„Gegen Helmut und Diana kann man nur mit Gewalt vorgehen“, widersprach Uwe.
Meike ließ ihn los, stand auf und stellte sich hinter den vom Wetter gezeichneten Stein, wo sie das dazugehörige Grab vermutete. Mit dem Fuß auf die Erde tippend sagte sie: „Wir wissen nicht, welcher Soldat hier begraben liegt. Eine Frage aber bleibt: Hat er durch das, was er vermutlich getan hat, Probleme beseitigt? Die Antwort heißt: ‚Ja‘. Dadurch aber entstanden neue Komplikationen.“
„Aber ...“ Uwe kam nicht dazu, seinen Gedanken auszusprechen.
„Da gibt es kein Aber. Wenn du gegen Helmut vorgehst, befriedigst du zwar zunächst dein Ego, erreichst aber nur, dass dieser Mensch noch gewaltsamer gegen dich vorgeht und ganz sicher auch seine Eltern einschaltet. Dann steht Aussage gegen Aussage, weil die restliche Klasse aus Angst vor Repressalien schweigt.“ Meike hielt einen Moment inne und fuhr dann fort. „Weißt du, warum Anita sich vor der Klasse ausziehen musste?“ Sie wartete ab, was Uwe antworten würde.
„Ich kann es mir denken, möchte davon aber nichts hören“, wies Uwe Meike ab und ging auf der Suche nach dem Ausgang des Friedhofs an einem verfallenen Zaun entlang. Meike folgte ihm schweigend. Als die beiden wieder auf dem schlecht gepflasterten Weg an der Eingangstür standen, drängte Meike ihren Freund zur Eile. „Wenn wir rechtzeitig zur Disco kommen wollen, sollten wir uns sputen.“
„Wann gehen die anderen?“, fragte Uwe.
„Das interessiert mich nicht. Um neunzehn Uhr ist Einlass. Wir dürfen sowieso nur bis einundzwanzig Uhr bleiben.“
Vom alten Friedhof bis zum Internatsgebäude mussten die beiden ein ganzes Stück laufen. Als sie dort angekommen waren, blieb ihnen nicht mehr viel Zeit. Meike rannte die Treppe zur ersten Etage hinauf und verschwand im Mädchenschlafraum. Uwe war vor dem Schuhregal stehen geblieben, wo er seine Straßenschuhe gegen seine schon etwas rissig gewordenen Hausschuhe tauschte.
Plötzlich stand Katja neben ihm und fragte: „Gehst du jetzt zur Disco?“
Uwe antwortete: „Du gehst mir auf die Nerven, Katja! Natürlich gehe ich hin, aber wie du dir vorstellen kannst, nicht mit dir.“
„Mit Meike?“
„Das geht dich nichts an. Vielleicht gehe ich auch allein hin und reiße dort jemanden auf.“
„Das wäre aber traurig“, meinte Katja. „Soll ich Meike das ausrichten?“
Uwe schob das zudringliche Mädchen zur Seite und ging schnell in Richtung Jungenschlafraum. Dietrich, der auf dem Bettrand saß und verächtlich auf seine durchlöcherten Socken herabschaute, drehte sich um, als sein Zimmerkollege wie von drei Teufeln gejagt in den Raum gerannt kam und die Tür hinter sich zuknallte. „Uwe!“, rief er, „was ist in dich gefahren?“
„Katja.“
Dietrich grinste dümmlich. „Katja ist in dich gefahren? Ich hoffe, eher du in sie.“
Uwe stöhnte bei so viel Blödheit. „Keines von beidem. Du bist wirklich doof. Katja nervt einfach.“
Dietrich wendete sich wieder seinen Socken zu, zog sie aus und warf sie in die Schmutzwäsche. Als er hörte, wie sein Zimmerkollege sich einsprühte, verzog er die Nase. „Glaubst du wirklich, dass sich Schweiß mit Deo verträgt? In deinem Fall wäre es ratsam, eine Dusche dazwischenzuschieben.“
„Dafür habe ich jetzt keine Zeit.“
„Du bist und bleibst ein Schwein.“
„Du bist auch nicht besser.“ Uwe zog sich fertig an und verließ den Raum.