Oskar und Freunde
Prolog
Die Leine war kurz. Gerade ausreichend, um dem Hund genug
Bewegungsfreiheit zu geben. Der braune Labrador saß vor dem
Baum und beobachtete seinen Besitzer, wie dieser die Leine um
den Stamm legte und verknotete. Er versuchte spielerisch an
dem Mann hochzuspringen. Die Leine hielt ihn fest. Er sah zu wie
der Mann, ohne sich umzusehen, zum Auto lief, einstieg und mit
quietschenden Reifen davonfuhr. Er würde bestimmt bald wiederkommen,
hatte sicher was zu erledigen. Unsicher schaute der
Hund dem Auto hinterher.
Es war Nacht. Niemand war auf dem Parkplatz der Raststätte.
Von der nahe vorbei führenden Autobahn sah er viele Wagen
vorbeifahren.
Der Labrador wartete. Er hatte es wahrlich nicht gut bei seinem
Besitzer gehabt, es war aber sein Zuhause, dort wo es Futter gab.
Alleine, so wusste er von seinen Vorfahren, war er verloren. Vom
Rudel verstoßen zu sein, bedeutete den sicheren Tod. Der braune
Labrador spürte die Einsamkeit. Traurigkeit ergriff ihn. Es musste
jemand kommen, um ihn abzuholen. Gegen den Lärm der Autobahn
kam sein klägliches Bellen nicht an. Niemand hörte ihn.
Schon lang stand er nicht mehr. Neben dem Baumstamm sitzend,
rief er durch sein Bellen um Hilfe. Lang rief er, bis das Bellen in
ein trauriges Winseln überging und sein Kopf sich zwischen seine
Vorderpfoten legte. Die Einsamkeit umklammerte ihn mit starken
Klauen. Im Hier und Jetzt gab es nur noch die dunkle Nacht
und den Baumstamm, an dem der Hund zurückgelassen wurde.

Kapitel 1
Oskar
Tanja verstaute die Einkäufe in ihrem Rucksack und verließ mit
eiligen Schritten den Supermarkt. Aus tief hängenden Wolken fiel
feiner Regen herab. Nichts hasste sie mehr als dieses Schmuddel-
Wetter. Darüber schimpfend, zog sie sich die Kapuze über den
Kopf und ging zu ihrem Fahrrad. Als sie es aus dem Ständer zog,
sah sie Rico über den Platz heran kommen.
„Hi Tanja! Was machst du denn hier?“ Innerlich über die Störung
fluchend, kippte sie das Fahrrad auf den Seitenständer. Jetzt war
wirklich keine Zeit sich mit ihrem Freund auseinander zu setzen.
„Ich war einkaufen.“
„Hast du heute Abend Zeit?“
„Ich denke nicht. Am Nachmittag kommt der Tierarzt, das wird
eine Weile dauern. Hausaufgaben müsste ich auch machen.“
„Na ja, das ist ja nichts Neues“, sagte Rico verärgert. „Wäre ja
mal etwas anderes, wenn du auch einmal für mich Zeit hättest.“
„Mach‚ hier keine Szene! Wie war das zum Beispiel vorige Woche?
Da musste der Herr unbedingt zum Fußball gehen.“
„Ich weiß, dass du sauer warst. Ich konnte es nicht ändern.“
„Du hast unsere Verabredung platzen lassen. Deswegen war ich
sauer“, fauchte Tanja zurück und wendete ihr Fahrrad Richtung
Straße.
Der Sattel war nass vom Regen. Ohne darauf zu achten, stieg sie
auf und fuhr vom Parkplatz. Nur knapp konnte sie einem rück

wärts einparkenden Auto ausweichen. Nicht weit vom Supermarkt
bog sie nach rechts und lenkte ihr Fahrrad auf einen
schmalen Weg, der schlammig vom Regen war. Rechts sah man,
so weit das Auge reichte, eine große Obstplantage. An solchen
Tagen wie diesem schien alles trostlos und leer. Tanja mochte
diese Gegend. Oft lag sie im Sommer unter einem Baum und
träumte. Links des Weges, hinter einem hohen Zaun, lag eine seit
vielen Jahren stillgelegte Eisenbahnstrecke. Durch wucherndes
Unkraut sah man kaum noch die verrosteten Schienen. Weiter
weg, am Horizont kaum noch zu erkennen, verlief eine Autobahn.
Jeden Tag fuhr Tanja diesen Weg vom Gymnasium nach Hause
beim Tierheim vorbei. Wie jeden Tag stieg sie auch diesmal vom
Fahrrad und ging zu den Hunden. Tanja mochte Tiere, besonders
Hunde. Alle waren noch da. Benny der Spitz, Rocco der Zwergpudel,
Mira die Setter Hündin. Auch der braune Labrador.

Er saß wie immer abseits. Den hatte Tanja besonders in ihr Herz
geschlossen. Seit einer Woche besuchte sie ihn jeden Tag. Er erkannte
sie sofort und kam an den Zaun.
„Hast du immer noch keine neue Heimat gefunden? Ich würde
dich sehr gern nehmen.“ An diesem Tag hatte Tanja keine Zeit,
sich weiter mit dem Hund zu beschäftigen. Daher stieg sie auf
ihr Rad und fuhr weiter. Der Hund saß hinter dem Zaun und sah
traurig dem Mädchen hinterher.
Seitdem er im Tierheim war, besuchte sie ihn jeden Tag. Zuerst
verspürte er Ablehnung der Besucherin gegenüber. Aus Erfahrung
wusste er, das man Menschen nicht vertrauen durfte. In seiner
Hundewelt gab es nur Extreme. Zuneigung oder Ablehnung,
überschwängliche Freude oder tiefe Trauer, innige Freundschaft
oder Hass. Mittelwege gab es nicht. Ein Gefühl, was alles überdeckte,
war die Angst. Die Angst wieder verlassen zu werden.
Jeden Tag fasste der Hund stärkeres Vertrauen zu dem Mädchen.
Jeden Tag wurde bei ihrem Weggang die Angst stärker, wieder
verlassen zu werden. Im Laufe der Woche entwickelte er die Fähigkeit
sie durch Geruchs- und Hörsinn von anderen zu unterscheiden.
Langsam stand er auf und suchte seine Lieblingsecke
auf. Hier rollte er sich zusammen. Er schien zu schlafen. Nur ein
Auge blinzelte.